Aus dem Amerikanischen von Klaus Bonn.
Mare Verlag, 2023, 28 €
Der wohlhabende Geschäftsmann Henry Preston aus New York möchte sich eine Auszeit nehmen
und gönnt sich eine Schiffsreise. Diese währt nur kurz – kaum an Bord, rutscht er auf einer Öllache aus und landet im Pazifik. Anfangs noch sicher, dass der Unfall schnell bemerkt wird, stellt sich bald heraus, dass sein Verschwinden zunächst gar nicht auffällt. Im Wechsel wird geschildert, wie die anfängliche Zuversicht von Henry schwindet, welche Gedanken ihm angesichts der drohenden Katastrophe durch den Kopf gehen und was die übriggebliebenen Passagiere an Bord treiben, die langsam merken – einer fehlt! Das ist tragikomisch, existenziell und unterhaltsam. Eine grandiose Wiederentdeckung von 1937, wie üblich fein gestaltet vom Mare Verlag und mit einem klugen Nachwort von Jochen Schimmang.
Ein Klassiker, der bleibt!
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler.
Karl Blessing Verlag, 2012, 16,95 €
(die Taschenbuchausgabe im Wagenbach-Verlag
gibt es für 14 €)
Zwei Menschen begegnen sich auf der Fahrt zu einer italienischen Gefängnisinsel; Luisa, eine Berg-
bäuerin, alleinerziehende Mutter von fünf Kindern, die ihren Mann besucht, der seinen Jähzorn nicht unter Kontrolle hat, und Paolo, ehemaliger Lehrer, der so gerne verstehen möchte, warum sein
einziger Sohn zum Terroristen geworden ist. Ein Sturm zwingt die beiden, die Nacht auf der Insel zu verbringen, und es entspinnt sich ein für beide wunderbares Gespräch. Wissend, dass sie sich
nie wiedersehen werden, ist doch diese einzige Nacht ein kostbares Gut, das beide ihr Leben lang begleitet. Mit großer Sensibilität, Empathie und poetischer Kraft gelingt es Melandri wieder
einmal, den Leser wie einen unsichtbaren Beobachter in die Geschichte eintauchen zu lassen.
Aus dem Englischen von Hans Wollschläger.
Suhrkamp Verlag, 2004, 50 €
(die aktuelle Taschenbuchausgabe bei Suhrkamp
mit 987 Seiten gibt es für 18 €)
Dieses Buch habe ich dreimal gelesen: als junger Mann (nur wenig verstanden, aber zum Posen in
der Schule hat es gereicht), als Student, nachdem ich Homers „Odyssee“ gelesen hatte (mit großem Erkenntniszugewinn, hohem Spaßfaktor und der Gewissheit, allergrößte Literatur
konsumiert zu haben) und als gestandener Mann (mit sehr großem Genuss und seitdem als bekennender Joyceianer alljährlich den 16. Juni feiernd).
Warum am 16. Juni? An diesem Tag im Jahre 1904 von acht Uhr früh bis drei Uhr morgens am nächsten Tag erlebt der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom seine Stadt Dublin in allen nur denkbaren Facetten – und als Leser begleite(te) ich ihn und nahm an seinen Handlungen, Begegnungen und Gedanken teil. Es sind 18 Episoden, die an Homers „Odyssee“ angelehnt sind (sie zu kennen ist von Vorteil, muss aber nicht sein), mit je eigener Wortwahl, Farbgebung und Symbolik. Und all dies gipfelt im letzten Kapitel des fast 1000 seitigen Romans in dem herrlichen Monolog (ohne Punkt und Komma!) von Leopold Blooms Frau Molly, der Liebeserklärung, Wutrede, Sehnsuchtsausbruch und Geständnis in einem ist – ein Wortfeuerwerk auf etwa 100 Seiten. Ein literarischer Hochgenuss!